Dehnen

Dehnen

Vor dem Sport, nach der Arbeit, oder was?

Haben Sie das auch schon erlebt: Sie kommen angenehm erschöpft von Ihrem Waldlauf zurück, stolz, endlich mal wieder etwas für Ihre Gesundheit getan zu haben. Dann treffen Sie auf den Nachbarn, passionierter Läufer, der Ihnen erst einmal erklärt, dass Sie das „Dehnen“ vergessen haben? Schon ist die gute Stimmung hin. Oder Sie berichten Ihrem Arbeitskollegen, dass Sie inzwischen gerne und regelmäßig „Nordic Walking“ machen aber ab und zu ein leichtes Ziehen in der Achillessehne haben. Postwendend kommt die Frage „Hast Du auch ordentlich gedehnt?“. Was ist eigentlich dran an diese „schlauen“ Empfehlungen? Ist es wirklich notwendig?

Dehnen wird ja nicht nur vor und nach dem Sport sondern auch nach längeren einseitigen Belastungen wie nach langem Autofahren oder Arbeiten in gebückter Haltung empfohlen.

Bringt das was? Soll man sich nur „Recken und Strecken“ oder gezielte Übungen über eine bestimmte Dauer durchführen?

Wenn wir die Wissenschaft fragen, müssen wir feststellen, dass es keine eindeutigen eher widersprüchlichen Erkenntnisse gibt. Deswegen wollen wir mit ein paar „Irrtümern“ aufräumen.

Kann man mit Dehnen Muskelverkürzungen vorbeugen?

Die Länge eines Muskels kann nicht unserem Willen unterliegen. Das wäre nicht nur extrem aufwendig, bei 632 Muskeln des menschlichen Körpers die richtige Länge einzustellen. Es wäre auch gefährlich. Die Muskeln passen sich vielmehr der vorgegebenen Haltung an. Wenn Sie in gebeugter Haltung vor der Werkbank stehen, werden die Brust- und Rückenmuskeln sich auf die veränderte Stellung der betroffenen Gelenke abstimmen. Wenn das anschließende Aufrichten des Körpers anstrengt, liegt es daran, dass die Gelenkkapseln des Schultergürtels und der Wirbelgelenke gestrafft werden müssen, nicht die Muskeln.

Verbessert Dehnen die Beweglichkeit der Gelenke?

Es ist richtig, dass im Experiment ein regelmäßiges Dehnen die Beweglichkeit von Gelenken kurzfristig verbessern konnte. Am besten nachgewiesen ist es am Hüftgelenk. Erreicht wurden maximal 5° mehr Beugung. Allerdings wird kontrovers diskutiert, ob dieser Gewinn durch die Lockerung der angesprochenen Muskeln oder durch Erhöhung der Schmerzgrenze bis zum Abbruch ausgelöst wurde. Dieser Gewinn an Beweglichkeit hält aber nur für kurze Zeit an. Gesichert hingegen ist, dass ein ebenso zeitaufwendiges Kräftigen der gleichen Muskeln viel schneller und anhaltender die Beweglichkeit steigert.

Führt Dehnen zu einer Muskelentspannung?

Kurzfristig kann man den Muskel-Sehnen-Apparat durch Dehnen tatsächlich entspannen. Die eingesetzte Energie führt zwar zu einer Neuausrichtung der Muskelelemente, die Verlängerung des Gewebes wird aber schnell zurückgenommen und die Spannung im betroffenen Muskel ist nach wenigen Minuten eher höher als das Ausgangsniveau.

Schützt Dehnen vor Verletzungen?

Um sich vor dem Sport vor Verletzungen zu schützen, ist Dehnen gänzlich ungeeignet. Aufwärmen ist wichtig mit langsam ausgeführten Bewegungen, die die Durchblutung der Muskeln zu verbessern und damit die Energie- und Sauerstoffzufuhr des Muskels zu verbessern, damit es bei der sportlichen Anstrengung nicht zur Minderversorgung kommt. Eine kurzfristige Verbesserung der Beweglichkeit kann eher die Gelenkführung in der Belastung beeinträchtigen und ein „Umknicken“ provozieren.

Feststellungen und Fazit

Zwei gesicherte Feststellungen dürfen allerdings genannt werden, die es lohnen, ein kleines Dehnprogramm nach dem Sport oder der einseitigen Arbeit zu tun:

  1. Die Durchblutung der gestressten Muskelgruppen wird verbessert! Wenn ich den belasteten Muskel-Sehnen-Apparat hinterher 10 Sekunden straff ziehe, wird nach dem Loslassen der gelockerte Muskel stärker durchblutet und all die im Gewebe liegen gebliebenen Abfallstoffe aus dem Energiestoffwechsel insbesondere die Milchsäure können besser ausgespült werden. Das leitet schneller die Regeneration ein.
  2. Das subjektive Gefühl der besseren Beweglichkeit und das Wiedereinstellen der natürlichen Körperhaltung verleiht ein ausgewogenes Wohlgefühl! Das Schönste am Laufen ist das Gefühl danach! So kann man viele Freizeitsportler reden hören. Dem kann ich persönlich nur zustimmen. Man hat was Gutes für den eigenen Körper getan. Anschließend ist alles gut durchblutet. Man fühlt sich körperlich und geistig im Einklang. Dieses Gefühl wird durch ein leichtes Dehnen unterstützt, weil die Ausrichtung der beanspruchten Strukturen erleichtert wird. Ein weiches aber nicht zu unterschätzendes Argument.

Autorenhinweis

Dr. med. Axel Armbrecht, Institut für Bewegungstherapie und Rehabilitation GmbH, Eutin

Fotohinweis: © IKK Nord