Raus aus der Sucht

Raus aus der Sucht

„Das brauchen wir nicht“ sagen Eltern ihren kleinen Kindern im Supermarkt, wenn sie beim Einkaufen „helfen“ und alles in den Einkaufswagen legen, was ihnen in die kleinen Finger gerät. Dann wird das soeben Hineingelegte auch schon wieder aus dem Wagen heraus genommen.

Für die lieben Kleinen ist ein solches „Nein“ der pure Frust und für die Eltern anstrengend, aber lohnend. Denn sie setzen mit ihrem „das brauchen wir nicht“ die Grundlage für einen verantwortungsvollen Umgang mit Konsum, Abhängigkeit und Sucht.

Denn Süchte gleich welcher Art belasten die Gesundheit sowohl seelisch als auch körperlich. Beispielsweise wird das Immunsystem geschwächt: wer raucht, kann sich nicht angemessen gegen Erkältungen zur Wehr setzen, und wer übermäßig trinkt, dessen Wundheilung ist herabgesetzt. Dann dauern Heilung und Erholung viel länger als bei anderen Menschen.

Wir haben hier für Sie einige Hintergrundinformationen zur Entstehung von Abhängigkeiten und Süchten zusammengetragen und wollen mit unseren Tipps zur Suchtprävention dazu beitragen können, dass Sie auch zukünftig „Nein“ zu Suchtgefahren sagen können.

Enstehen einer Sucht

Ob ein Verhalten oder ein Stoff süchtig macht, hängt von der persönlichen Reaktion in dem Moment ab. Denn Sucht ist vereinfacht eine Fehlsteuerung des Belohnungssystems im Gehirn. Wenn wir etwas als positiv wahrnehmen, schüttet das Gehirn vermehrt Hormone aus. Eines davon ist Dopamin, es lässt uns Glück oder gar Euphorie empfinden. Das kann ein Lob sein, ein leckeres Essen oder der Kauf eines neuen Kleidungsstücks. Die gleiche Reaktion im Gehirn kann auch von Alkohol oder anderen Rauschmitteln ausgelöst werden.

Der Körper gewöhnt sich allerdings an die Hormone und braucht im Laufe der Zeit mehr davon, damit die Glücksgefühle ausgelöst werden. Damit wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der in einem immer häufigeren oder stärkeren Konsum von Rauschmitteln oder in einem süchtigen Verhalten enden kann.

Der Einstieg in süchtiges Verhalten wird in der Jugend gelegt. Jugendliche finden ihn häufig dann, wenn sie im Alter von etwa 14 Jahren ihre erste Zigarette probieren. Das erste Glas Alkohol wird statistisch gesehen sogar noch vorher getrunken. Wem es nicht schmeckt, der lässt ziemlich bald die Finger davon. Doch wenn die Wirkung angenehm ist, die körperlichen Folgen von Alkohol und Zigaretten gut vertragen werden, dann wird weiter konsumiert. Erst sehr viel später kommt der Kontrollverlust hinzu, dann muss der Stoff immer häufiger her, damit sie sich stark, sicher und gut fühlen können.

Das Ausprobieren von Alkohol und Nikotin geschieht in einer für die Jugendlichen unsicheren Zeit, in der sie sich selbst entdecken und ihren Platz in der Gesellschaft finden müssen. Haben sie keine anderen Möglichkeiten der Belohnung und Bestätigung, beispielsweise im Sport, in der Familie oder durch Hobbies, kann in der Zeit die Grundlage für eine "Sucht-Karriere" gelegt werden. Denn während es zunächst noch Alkohol und Nikotin sind, werden es im Laufe der Zeit andere Stoffe, die konsumiert werden.

Formen von Sucht

Das Wohlbefinden, das am Beginn einer Sucht oder Abhängigkeit steht, kann durch viele verschiedene Stoffe oder Verhaltensweisen ausgelöst werden. Je nach Auslöser der Abhängigkeit unterteilt in stoffgebundene Abhängigkeiten und Verhaltensstörungen. Folgend wird ein kurzer Überblick auf das, was dabei im Körper bzw. mit dem Menschen passiert, gegeben.

Stoffgebundene Abhängigkeiten können entstehen durch Missbrauch von:

  • Alkohol
    Alkohol wirkt, wenn er in geringen Mengen aufgenommen wird, anregend und stimmungssteigernd. Er kann Hemmungen abzubauen helfen fördert damit die Kontakt- und Kommunikationsbereitschaft. Allerdings kann nach Aufnahme von größeren Mengen Alkohol die Wirkung umschlagen, die gelöste Stimmung in Gereiztheit, Aggression und unter Umständen Gewalt umschlagen.
  • Nikotin
    Wer an den Tabakkonsum nicht gewöhnt ist, erleidet zunächst Vergiftungserscheinungen wie Schwindelgefühl, Übelkeit, Kopfschmerzen und Herzjagen. Ist der Körper an die Substanz gewöhnt, tritt die psychische Wirkung des Nikotins in den Vordergrund. Dann kommt es unter anderem zu gesteigerter Aufmerksamkeit, höherer Stresstoleranz und besserer Gedächtnisleistung. In der Folge wird die Wirkung des Nikotins mit der, zumeist positiven, Situation des Rauchens verbunden. Die eigentliche Gesundheitsgefahr geht im Laufe der Zeit von den Tabakbegleitstoffen aus. Die Stoffe sind Krebs erregend, können Schwangerschaften gefährden und können Herz-Kreislauf-Schäden verursachen.
  • Amphetamine / Ecstasy
    Amphetamine und Ecstasy gelten als „Partydrogen“ und sind synthetisch hergestellte Substanzen, die auch in Medikamenten enthalten sein können. Sie haben aufputschende oder halluzinogene Wirkung und führen schnell in die psychische Abhängigkeit. Darüber hinaus können bei Amphetaminen Vergiftungserscheinungen wie die Verlangsamung der Herztätigkeit oder Krampfanfälle auftreten. Bei Ecsaty wird unter anderem das Konzentrationsvermögen und die Reaktionsfähigkeit so weit herabgesetzt, dass Betroffene nicht mehr fahrtüchtig sind.
  • Cannabis
    Cannabis wird häufig geraucht, entsprechend treten wie beim Tabakkonsum die gesundheitsschädlichen Wirkungen der Begleitstoffe in den Vordergrund. Darüber hinaus wirkt Cannabis auf die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit: Die Fahrtüchtigkeit ist nach Cannabis stark eingeschränkt. Bei sehr hohem und lang dauernden Cannabis-Konsum kommt es zu einer psychischen Abhängigkeit, die von Leistungseinschränkungen und Teilnahmslosigkeit begleitet wird.
  • Heroin
    Heroin wirkt beruhigend, entspannend und schmerzlösend, dabei gleichzeitig bewusstseinsmindernd und euphorisierend. Heroin gilt als die am schnellsten abhängig machende Droge. Daneben ist der Spielraum von den gewünschten Wirkungen zu einer Vergiftung mit tödlichen Folgen nur sehr gering. Der Tod tritt dann aufgrund von Atemlähmung und Kreislaufversagen ein.
  • Kokain
    Kokain ist als „Leistungsdroge“ bekannt, weil es einen stimulierenden Effekt auf die Psyche hat, leicht betäubend wirkt und die Blutgefäße verengt. Je nachdem, wie das Kokain aufgenommen wird (als Pulver geschnupft, geraucht oder intravenös gespritzt) tritt die Wirkung unterschiedlich schnell ein. Dabei kann Lebensgefahr bestehen, wenn die Dosis zu hoch ist und das Kokain zu schnell über die Blutbahn ins Gehirn gebracht wird. Bei langem Gebrauch wird die Widerstandskraft des Körpers geschwächt und unter anderem Blutgefäße und Organe geschädigt.
  • Medikamente
    Zu den abhängig machenden Medikamenten zählen beispielsweise die meisten Schmerz- und Beruhigungsmittel. Viele der Schmerzmittel gehören zu den Opiaten und können sehr schnell eine Sucht erzeugen. In einer zu hohen Dosierung können sie zu Atemlähmungen bis zum Tod führen. Beruhigungsmittel sind rezeptpflichtige Medikamente, die beispielsweise bei Angstzuständen verordnet werden. Bei längerer Einnahmedauer kann es zu einer Abhängigkeit kommen.

Die körperlichen Folgen eines langen und hohen Konsums von Substanzen bzw. Rauschmittel können immens sein und heilen trotz erfolgreich durchlebter Therapie unter Umständen lebenslang nicht vollständig aus.

Häufig entwickelt sich eine psychische Abhängigkeit, also ein unbezwingbares seelisches Verlangen, mit dem Konsum oder Verhalten fortzufahren. Bei vielen Abhängigen entwickeln sich Mehrfachsüchte. Weitere Informationen über Wirkungen von Rauschmitteln können Interessierte bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. erhalten.

Rauschmittel und Schwangerschaft

Ganz besonders gefährdet sind ungeborene Kinder, wenn ihre Mütter drogensüchtig sind. Denn die Gifte, die sich die Mütter zuführen, werden ungefiltert an das wachsende Baby weitergegeben. Dessen Organismus kann die Giftstoffe nicht verarbeiten und kann lebenslang unheilbaren Schaden nehmen.

Nicht nur, dass die Kinder ein häufig viel zu geringes Geburtsgewicht haben, Kinder von Süchtigen haben eine deutlich geringere Lebenserwartung als gesund zur Welt kommende Kinder. Außerdem besteht das Risiko, dass sie selbst ebenfalls süchtig werden.

Ein Beispiel: Crystal Meth wird zunehmend von jungen Frauen konsumiert. Die Folge ist, dass die Kinder zu früh, zu klein und zu leicht zur Welt kommen und sofort Entzugserscheinungen zeigen, sie sind unruhig und zappelig bis hin zu Krampfzuständen.

Verhaltensabhängigkeiten

Neben den stofflichen Abhängigkeiten können auch Verhaltensweisen, die zunächst mit positivem Erleben verbunden werden, abhängig machen. Bekannte Verhaltensstörungen entwickeln sich unter aanderem durch die übermäßigen Nutzung von oder Beschäftigung mit Smartphone, Computer oder Internet, Kaufen, Sex oder Spiel. Auch das Verhalten in Beziehungen kann süchtige Formen annehmen.

Ebenfalls die übermäßige Beschäftigung mit Essen oder Nicht-Essen kann zur Sucht werden. Bekannt sind hier unter anderem Magersucht (Nicht-Essen), die Ess-Brech-Sucht oder die in der letzten Zeit entstandene Orthorexie, bei der sich alles Denken und Handeln um gesunde Lebensmittel und Ernährung dreht.

Wahrnehmung der eigenen Sucht

Gegen ein Glas Wein oder Bier beim Essen in geselliger Runde ist normalerweise nichts einzuwenden, aber die Grenze zum Suchtverhalten ist fließend. Welche Anzeichen sprechen für eine Sucht und ab wann wird ein regelmäßiges Verhalten zum Suchtverhalten? Um sein persönliches Verhalten zu überprüfen, kann sich jeder die folgenden Fragen stellen:

  • Verspüre ich einen starken Drang, das Suchtmittel zu konsumieren?
  • Habe ich die Kontrolle über den Konsum schon verloren?
  • Kann ich nur mit dem weiteren Substanzkonsum oder Verhalten auftretende Entzugssymptome lindern oder vermeiden?
  • Benötige ich schon mehr von der Substanz, um die gleiche Wirkung wie früher zu erreichen, das heißt habe ich schon eine gewisse Toleranz gegenüber der Substanz entwickelt?
  • Haben sich schon andere Interessen zurückentwickelt und ist mein Verhalten hauptsächlich darauf gerichtet, das Suchtmittel regelmäßig zu bekommen und konsumieren zu können?
  • Weiß ich um die negativen körperlichen, psychischen oder sozialen Auswirkung meines Konsums und mache trotzdem weiter?

Wer mehrere oder alle Fragen mit „ja“ beantworten kann, ist auf dem besten Weg eine Sucht zu entwickeln oder ist bereits nach irgendetwas süchtig. Sich das einzugestehen, ist bereits der erste Schritt hinaus aus der Sucht. Der Sucht zu entkommen, ist allerdings nicht einfach. Dabei ist professionelle Hilfe notwendig.

Besonders bei stofflichen Abhängigkeiten können sich mit der Zeit auch die folgenden körperlichen Reaktionen bemerkbar machen und sich dabei zunehmend verstärken:

  • Häufige Schweißausbrüche
  • Händezittern
  • Schlafstörungen
  • Unruhe
  • Körperliche Verwahrlosung
  • Konzentrationsstörungen

Das sind dann die Zeichen, dass der Körper mit den Rauschmitteln sehr stark belastet ist und dass unter Umständen schon die ersten Organschäden aufgetreten sind.

Der Sucht "entkommen"

Wer sich seiner Sucht bewusst ist und den starken Willen hat, sich dieser Sucht zu stellen und der Sucht zu entkommen, kann medizinische und psychologische Hilfe erhalten. Mit einer Kombination von Arzneimitteln, Verhaltenstherapie und Gruppengesprächen. Hilfen vor Ort erhalten Betroffene bei ihrem Hausarzt, in den Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, in Kliniken und in Selbsthilfegruppen. Außerdem gibt es dort ebenfalls Hilfen für Angehörige. Denn die Sucht eines Angehörigen zu tolerieren wird auch als „Co-Sucht“ betrachtet und bringt ebenfalls körperliches aber vor allem seelisches Leid mit sich.

Wenn sich Betroffene für eine Therapie entscheiden, benötigen sie die Unterstützung ihrer Angehörigen. Eine Therapie kann erst dann erfolgversprechend beginnen, wenn der Wille und die Motivation dafür ausreichend stark sind. Der Weg hinaus aus der Sucht ist erfahrungsgemäß nicht einfach und dauert unter Umständen mehrere Monate. Bei einer stofflichen Abhängigkeit machen Betroffene zunächst einen Entzug, dabei wird der Körper erst einmal von den noch vorhandenen Giftstoffen befreit. Hier können gegebenenfalls Medikamente die Entzugserscheinungen mildern. Anschließend folgt eine Entwöhnungsphase, in der die Abhängigen lernen, ohne die Substanz zu leben.

Und weil auch hier der „innere Schweinehund“ nicht so einfach zu überzeugen ist, bieten Selbsthilfegruppen, Therapeuten und Beratungsstellen den Betroffenen Beratung und Begleitung an. Denn selbst eine jahrelang „schlummernde“ Sucht kann in unbedachten Momenten wieder aufkeimen. Dann liegt unter Umständen ein Selbstbetrug der Betroffenen nicht weit: Das ehemalige Suchtmittel oder Verhalten ist leicht erreichbar und nach erstem Konsum beziehungsweise Rückfall in alte Verhaltensmuster wird das alte Wohlgefühl verspürt. Das weckt den fatalen Wunsch nach weiterem Konsum und Betroffene verlieren die Hemmungen gegen die überstanden geglaubte Sucht. Vorübergehen verspüren sie noch ein Gefühl der Kontrolle, aber das täuscht.

Suchtgefahr vorbeugen

Das zentrale Wort im Umgang mit Suchtgefahren ist „Nein“. „Nein“ zum Griff nach der Zigarette in stressigen Situationen bei der Arbeit, „Nein“ zum regelmäßigen Feierabendbier und auch „Nein“ zum Einkauf eines Stückes, das man nicht wirklich benötigt.

Die Grundlage für dieses „Nein“ können Eltern bei ihren Kindern bereits früh legen. Gehen Eltern mit gutem Beispiel voran, lernen auch Kinder den umsichtigen Umgang mit Suchtgefahren gleich welcher Art. Dazu gehört natürlich auch das Wissen um die Gesundheitsschäden, die besonders die stofflichen Süchte im Körper anrichten können. Aufklärung darüber kann schon altersgerecht in Kindergarten und Schule beginnen.

Und wenn Kinder ein gesundes Selbstbewusstsein lernen, wissen sie früh, dass bestimmte Dinge und Produkte zu einem erfüllten Leben einfach nicht dazu gehören müssen. Die Fähigkeit „Nein, das brauche ich nicht“ zu sagen, kann früh gelernt werden, damit lebt es sich auf Dauer auch gesünder.

Weiterführende Informationen

  • Hilfen für (Handwerks-)Betriebe, in denen sich Suchtprobleme bemerkbar machen, bietet der Verein zur Förderung der Betrieblichen Eingliederung im Handwerk e.V. in Schleswig-Holstein unter www.esa-sh.de .
  • Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. hält eine Reihe von Informationsblättern und Broschüren zu Suchtthemen bereit unter www.dhs.de.
  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) hat Präventionsangebote zu allen Suchtformen online veröffentlicht unter www.bzga.de/themenschwerpunkte/suchtpraevention .
  • Ebenfalls hält die BzgA Informationsmaterialien dazu bereit unter www.bzga.de/infomaterialien/suchtvorbeugung .
  • Blaues Kreuz in Deutschland e.V. bietet Hilfen für Alkoholabhängige an, darunter auch einen Selbsttest unter www.blaues-kreuz.de .

Fotohinweis: © Arne Trautmann panthermedia.net (Raus aus der Sucht, Einleitungstext), © sborisov panthermedia.net (Rauschmittel und Schwangerschaft)

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